Ganz schön wechselhaft.

Mal wieder Internet. Es ist etwas über vier Wochen her, dass ich das letzte Mal an einem Computer saß. Viele fragen wie es uns geht, wo wir sind, was wir machen. Also Felix, Kai und Lennart sind momentan in Banja Luka (Bosnien) im Kino und schauen einen Horrorfilm in 3D, wobei die dritte Dimension aus sich bewegenden Sitzen, Wind und Blitzmaschine besteht. Die Kinder schlafen im Auto. Ich sitze ganz allein in der Boulderhalle auf dem Campus von Banja Luka, mit einer Flasche Weißwein aus Montenegro, die mir Zela geschenkt hat und versuche nun die letzten vier Wochen zu rekapitulieren und mit übertrieben vielen Bildern zu untermalen 🙂 Also los:

Saint-Léger-du-Ventoux ist ein klitzekleiner Ort in Südfrankreich, welcher nahe eines schönen Canyons liegt, in dem man viele schwere Premiumketterrouten finden kann. Dort haben wir uns mit Jonathan verabredet und treffen weiterhin auf Jo und Yonca, sowie Jana und Sam. Die Kinder spielen schön zusammen und wir genießen das Leben am Fluss. Außer an zwei Parkplätzen wird das freie Campieren ohne Probleme geduldet. Im Ort gibt es sogar eine neue Toilette, zu der man von unserem Basecamp laufen kann. Das Wetter ist sehr wechselhaft. Starker Wind ist unser ständiger Begleiter, genauso wie der Ruf des Kuckucks. Der gelegentliche Regen macht uns nicht so viel aus, da die Sektoren sehr steil sind. Nur der Nordsektor ist komplett abgesoffen, hatte es doch drei Tage vor unserer Ankuft wie aus Kannen geschüttet. Wir (ich) müssen uns erstmal wieder ans Sportklettern (Vorsteigen) gewöhnen. Nach zwei Klettertagen ist die Anpassung vollbracht. Schnell wird uns klar: Wir können zu viert doch nicht klettern wie in Tissa, sondern sind auf andere Kletterpartner angewiesen, da Mine ein echtes Energiebündel ist und permanente Betreuung braucht. Sie fängt bereits an freie zu laufen. Es stellt sich demnach ein sehr effektiver Modus ein, der sich bis jetzt durchzieht und weiterbestehen wird: Qualität statt Quantität und familienfreundliche Begehungen. Was bedeutet das? Die Exen nur in Routen hängen, die einen wirklich tollen Eindruck machen und nach dem Ausbouldern so schnell als möglich Rotpunkt klettern. Tatsächlich motiviert das so sehr, dass wir unsere „Projekte“ meist im ersten oder zweiten Durchstiegsversuch klettern. So kann ich bereits nach wenigen Tagen ohne Training wieder 7b+ und 7c klettern (Danke Muskelgedächtnis!) und Felix klettert so viele Routen bis 8a+. Er probiert auch ne 8b, die Jonathan schließlich durchsteigt, aber für Felix ist keine familienfreundliche Begehung drin, also wird das Projekt in die Zukunft verschoben.

Auf nach Osteuropa. Nach zwei Wochen an diesem wunderschönen Ort brechen wir auf um die Reise fortzusetzen. Fazit ist, wir müssen öfter nach Südfrankreich fahren. Wenn man drauf achtet sieht man viele Autos mit gelben Westen drinnen liegen. Auch an manchem Baum hängt eine gelbe Weste. Man kann das schon verstehen wenn man alle drei Tage für 70 Euro einkaufen geht, dass es Proteste gibt. Auf dem Weg stoppen wir bei Buis les Baronnies um einen Klettersteig für Sigfried zu machen. Nach 30 Metern stellt sich heraus, dass es doch zu anspruchsvoll für ihn ist und so steigen wir wieder ab. Er fand es trotzdem toll. Weiter geht es durch Gap, an schneebedeckten Bergen vorbei nach Briancon, welches wir uns kurz anschauen und dann über den Pass hinein nach Italien. Mailand anschauen steht auf dem Plan. Einen Parkplatz finden ist sehr stressig. Im inneren Ring ist beschränkter Verkehr. Wir fahren mitten hinein und direkt am Domplatz entlang durch die Altstadt und das Zentrum. Endlich finden wir einen Parkplatz. Die Stadt ist sehr voll, so viele Touristen, aber sie ist auch sehr schön und mit viel Hausbegrünung. Doch wo man hinsieht Geschäfte, Geschäfte, Geschäfte. Wir sehen uns den Dom an, drehen eine kleine Runde und weiter geht´s. Ein kurzer halt am Gardasee, Felix springt hinein und weiter geht die Fahrt. Mine wird wach, schreit unaufhörlich. Felix hatte Bier getrunken, tauschen ist keine Option. Eine Ausfahrt lässt auf sich warten. Kurzer Stopp also in der Notnische und dann ein sportlicher Blitzstart über den Seitenstreifen zurück auf die Fahrspur. Kurz vor Venedig schlafen, es steht am nächsten Tag auf unserem Plan. Wir fahren hinein, auch hier ist die Parkplatzsuche mühsam. 25 Euro für 12 Stunden Parken. Wir fahren mit dem öffentlichen Nahverkehr – Linienboote – über den Kanal mitten hinein. Es ist eine sehr schöne Stadt, doch auch hier Geschäfte über Geschäften, Konsum wo man hinschaut. Wir halten uns eher fern der Touristenautobahnen, gehen kleine Gassen entlang, die super schmal sind und immer schmaler werden. Die Wände sind schief, der Putz blättert ab, langsamer Zerfall, das macht den Charme aus und manchmal endet die Gasse einfach am Wasser – Sackgasse. Wir gehen essen. Das Essen ist so schlecht wie wir es noch nie erlebt haben, dafür aber richtig teuer. Wir werden kaum beachtet. Die wirren Gassen und Menschenmassen begünstigen es. Einmal im Leben die Zeche prellen: Check. Weiter geht es nach Osp um dort einen Vormittag zu klettern und dann ab Richtung Bosnien.

Kroatiendurchquerung. Wir fahren über atemberaubend schöne Hochebenen mit Wäldern. Überall finden sich Senken im Boden, die sich bis nach Bosnien durchziehen. Wir vermuten, dass es Dolinen sind. Oft sind direkt daneben kleine Häuschen und die Senken werden als kleine Ackerflächen genutzt (10x10m). Viele neuere Häuser sind unfertig, die Älteren sind oft zerfallen. Wir passieren alte Häuser mit Einschusslöchern. Der Geruch, die Sprache, die Lebensmittel, die Grundstücke, alles erinnert an Tschechien. Wir schlafen bei Kroatiens schönster Karstquelle. Diese wird als sehr ruhig beschrieben. Das können wir nicht bestätigen. Durch die starken Regenfälle der letzten Tage sind Felder überflutet und sämtliche Flüsse zu reißenden Strömen geworden, auch dieser hier. Eine kleine Brücke zum Quellsee hat es weggespült.

Raus aus der EU. Am nächsten Tag fahren wir weiter über die Grenze nach Bosnien. Unsere Pässe scheinen in Ordnung zu sein, wir dürfen sofort weiterfahren. Auffällig ist eine hohe Polizeipräsenz. Beim Blick auf die Minenkarte wird einem schon etwas mulmig, ganz schön viel Rot, um Bihac herum zum Beispiel worüber wir einreisen. Aber Felix sorgt sich mehr um Vipern im Klettergebiet und fiese Schäferhunde. Vipern finden wir tatsächlich sehr schnell. Eine Hornviper liegt unter einem Stein an dem wir lagern. Als Felix den Stein als Cheatingstone verwenden will entdecken wir sie. Doch ihr ist es zu kalt, um sich bewegen zu können. Wir entfernen sie mit langen Stöcken von unserem Lager, sie bleibt starr, wir vermuten dass sie vielleicht tot sei. Als die Sonne herauskommt legen wir sie hinein und binnen weniger Sekunden fängt sie tatsächlich an sich zu bewegen. Schnell ab also mit ihr im hohen Bogen in den Wald!

Pecka [Pezka] ist unser erstes Ziel. Dort findet gerade ein Kletterfestival statt. Das Camp wird auf einer Wiese errichtet, die in Deutschland aufgrund ihrer Flora mit Sicherheit strengstens geschützt wäre. Ein Auto mit Meißener Kennzeichen steht da, wir parken genau dahinter. Lennart und Kai sind also auch da. Es regnet jeden Tag ein bisschen, doch der Fels trocknet schnell. Es gibt nicht viele schwere Routen, Igor (Kletterführerautor) meint, das entspricht nicht dem bosnischen Kletterlevel und wir können gern Routen einbohren, wenn wir was schönes finden. Tatsächlich sind die Bosnier, die wir auf dem Festival treffen, super motiviert, klettern aber vorwiegend in der kleinen selbst erbauten Boulderhalle, in der ich gerade sitze und projektieren deshalb draußen nur im französischen sechsten Grad. Ich erst-begehe eine von Igor kürzlich eingebohrte 7b+ und gewinne auf dem Festival als stärkste Frau eine Flasche Schnaps. Yeyyy. Zwei Tage später Toprope-Flashe ich beinahe eine 7c, die ich dann im nächsten Versuch von unten Durchsteige. Pecka ist voll mein Style. Technische Züge an Löchern. Geil. Siggi rennt nochmal voller Freude nackt im Sonnenuntergang über die Wiese, bevor er ins Bett in den Bus geht, den er liebevoll immer „Zuhause“ oder „unsere Wohnung“ nennt und am nächsten Tag brechen wir auf Richtung Banja Luka.

Tramper nehmen wir vermutlich doch nicht mehr mit. In einem kleinen schönen Waldcafé machen wir kurz halt. Da spricht uns ein Spanier an, er wolle nach Tschechien oder so, ob wir ihn ein Stück mitnehmen können. Wir sagen ihm wo wir hin wollen und er willigt ein, dorthin mitgenommen zu werden. Wir fahren also los und werden von der Polizei angehalten. Sie wollen die Pässe sehen. Er hat was zum ausweisen dabei, bloß gut. Kurze Zeit später fängt er an uns zu beschimpfen, wir würden nicht dahin fahren wo wir es ausgemacht haben. Ich versuche ihm die Karte zu zeigen. Er kann uns nicht sagen wo er eigentlich hin will. Er fängt an auf Gott und die Welt zu schimpfen, in gebrochenem Englisch. Es wird immer skurriler. Ich fasse zusammen: Wir haben ihn aus unserem Auto rausgeschmissen und wir glauben der war total fertig und auf Drogen.

Banja Luka ist eine der größten Städte in Bosnien. Schön ist es hier nicht wirklich. Auf dem Campus wo wir uns aufhalten bei der Kletterhalle schon – sehr grün und ruhig. In Bosnien ist alles sehr billig. Viele können Deutsch und erzählen, wie toll Deutschland ist und dass alle nach Deutschland wollen um zu arbeiten, denn hier verdient man nichts. Es ist wirklich alles SAU billig. Alle die weggehen können, gehen weg. Nur ein paar Hauptakteure der Kletterszene sind noch in Bosnien geblieben, wie zum Beispiel Zelimir, der hier alles leitet und deshalb noch da ist. Uns wird erzählt, dass er einen Sportartikelversand eröffnen will, was aber nicht gut läuft, da niemand aus Bosnien bestellt, weil er Angst hat verarscht zu werden. Das ist sehr schade zu sehen. Die Leute hier sind super nett, hilfsbereit und schlau, haben riesen Potential. Die Kletterhalle haben sie selbst gebaut. Nur Griffe zu bekommen ist schwierig – oder besser sehr teuer. Die Halle erinnert an die Boulder City. Sie hat jeden Tag 18:30 bis 22 Uhr geöffnet. Es kommen jeden Abend alle her zum Trainieren. Alle sind super motiviert. Es ist eine Freude mit ihnen zu Bouldern. Auch Siggi hat große Freude daran. Wir bekommen einen Schlüssel für die Halle, dürfen sie nutzen wie wir sie brauchen. Am dringendsten brauchen wir eine heiße Dusche.

Wechselhaft war in den letzten Wochen somit nicht nur das Wetter, sondern auch die Landschaft und die Lebenshaltungskosten. Morgen fahren wir weiter Richtung Sarajevo, wo wir noch so eine Woche bleiben bei hoffentlich beständigerem Wetter und dann ab nach Mazedonien.

Die Bilder sind etwas durcheinander, weiß nicht warum Ciao.

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