Der südlichste und östlichste Teil unserer Reise

Weiter gen Osten. Dass wir schon sehr weit östlich sind merken wir an den verschobenen bzw. nicht vorhandenen Standards, die hier herrschen. Unsere Gasflasche ist leer. Tauschen hier ist mit unserer Flasche keine Option. Wir fragen uns durch und kommen an einer Tankstelle an, welche uns die Flasche auffüllt. 3 kg für 4,50 €. Vergleich Deutschland: ich müsste mit der Flasche durch den kompletten Baumarkt laufen um sie zu tauschen, würde eine Flasche bekommen, in der nur 2,5 kg drin sind und für diesen Aufwand auch noch fast 30 € bezahlen. Weiter fahren wir nach Albanien hinein. An der Grenze fühlt es sich an, wie früher die Einreise zu den Tschechen. Albanien ist wunderschön, so grün. Es gefällt uns sehr gut. Hier fühlen wir uns endlich richtig im Balkan angekommen. Die Orte bestechen durch einen gewissen unbeschreiblichen Charme. Alt und zermoddert, aber irgendwie gut. Allerdings überzeugen die Straßen nicht so. Eine Straße die wir nehmen ist so schlecht, dass wir für nicht mal 100 km etwa 5 Stunden brauchen. Manchmal hört die Asphaltstraße einfach unangekündigt auf und ein Schachbrett an tiefen Schlaglöchern tut sich plötzlich auf. Die Landschaft ist wunderschön, doch viel sehen wir nicht, die Berge sind wolkenverhangen. Wir suchen einen Schlafplatz. Am Rande eines Dorfes machen wir halt. Mir geht es nicht so gut, ich leg mich kurz hinten rein zum ausruhen. Im nächsten Moment stehen zwei halbstarke Jungs 1 m neben unserem Auto, starren hinein und tuscheln, obwohl wir sie eh nicht verstehen können. Das zieht sich 10 Minuten, wir versuchen mit ihnen zu kommunizieren, doch es scheitert. Wir fühlen uns unwohl und fahren noch ein kleines Stück weiter. Am nächsten Tag fahren wir weiter durch die Berge, an allerhand Industriebrachen, unfertigen oder zerfallenen und dennoch bewohnten Häusern vorbei. Kinder stehen auf der Straße, wollen uns Kirschen verkaufen. Als sie merken dass wir nicht anhalten wollen, laufen sie fast vor das Auto bzw. ins Auto rein um uns zum anhalten zu bringen. Wir halten nicht, da es uns gruselig erscheint. Im Dorf sitzt der 10 jährige Junge in der Wechselstube und erklärt Felix auf englisch den Wechselkurs. Er hat Englisch über YouTube gelernt und berichtigt seine Lehrer in der Schule. In Kukes halten wir zum Kaffeetrinken. Unser Tischnachbar klaut ungefragt die Mine für einen Moment. Sigfried panikt, er hat Angst um sie, fängt an zu weinen und fleht mich an, ich solle die Mine wiederholen. Irgendwie süß. Außer den Cafés und einem Bäcker hat leider alles zu. Es ist ein muslimischer Feiertag.


70 € Autoversicherung für einen Tag durch den Kosovo fahren? An der Grenze zu Kosovo wollen sie uns als LKW abrechnen. Die Greencard fürs Auto gilt hier nicht. Wir brauchen eine 15 Tage Versicherung. 70 €? Für einen Tag? Doch lieber der Umweg über Albanien ohne Skopje abzufassen? Ach, gut, dass in den Papieren eindeutig PKW drin steht. Nur 15 €. Na ok. Wir kommen an Prizren vorbei und sind überrascht auf einen so touristischen Ort zu stoßen. Schon sehr touristisch, aber nicht überlaufen. Wir sind auch überrascht, wie man bei dem Kabelwirrwar an den Strommasten durchsehen kann. Wir gehen in eine sehr alte Moschee. Sigfried wiederholt mehrfach wie weich der Teppich ist. Der Teppich ist wirklich weich. Der weichste Teppich, auf dem wir je gelaufen sind. Sigfried ist kaum noch aus der Moschee zu kriegen, so wohl fühlt er sich auf dem Teppich. Er kullert sich und kugelt sich und muss quasi aus der Moschee herausgeschliffen werden. Vorbei an wunderschöner Landschaft fahren wir durch den Wald über einen kleinen Pass mit wunderschönen Orten, an denen wir aufgrund schlafender Kinder nicht anhalten wollen. Die Gefahr des Aufweckens durch Stillstand des Autos ist zu groß. Mist. Hätten wir mal an dem schönen Platz mit der Quelle angehalten. Das Ende vom Lied: wir schlafen an dem vermutlich hässlichsten, dreckigsten, ollsten Platz auf der ganzen Reise, der Fluss an dessen Quelle wir vor 20 km und und 3 Dörfern vorbeigefahren sind ist hier nur noch ein riesiger, verdreckter, vermüllter Fluss. Was uns im Kosovo noch auffällt, ist zum einen dass schon wieder alle deutsch können weil sie jeweils ungefähr 6 Geschwister in ganz Deutschland verteilt haben und es dort ja so toll finden und zum anderen, dass bei sämtlichen Straßenschildern jeweils der untere Teil durchgestrichen ist. Wir vermuten, dass es sich bei den durchgestrichen Namen um die serbische Schreibweise handelt. Uns wurde schon in Bosnien erzählt, dass man verhaftet werden kann, wenn man von Kosovo nach Serbien einreist, weil Serbien den Kosovo nicht anerkennt und man somit illegal einreisen würde.

Skopje. Wir kommen im südlichsten Land unserer Reise an und besichtigen die Hauptstadt Skopje. Eine monumentale Stadt könnte man sagen. In ihr ist alles übertrieben groß. Statuen über Statuen. Skopje hat eine lange Geschichte, viel Zerstörung und Wiederaufbau. Im Rahmen eines Stadterneuerungskozeptes wurde das Zentrum im Neo-Barock- und Neo-Klassizismus-Stil erneuert. Drumherum ragen einige prachtvolle Gebäude des Brutalismus in die Höhe. Und zwischendrin Statuen über Statuen. Alexander der Große auf dem Hauptplatz, dem goldenen Reiter gleichend, nur etwa 10 mal größer und ohne Gold. Schnell noch ein paar Teppiche kaufen, Martin, Jule und Martha treffen und dann wieder raus aus der Stadt. Für einen Tag in ein Klettergebiet. Ab jetzt ist es auf einmal richtig heiß. Ohne Schatten nicht auszuhalten. Wir treffen auf Schildkröten und Schäferhunde. Unser zweitägiges Camp wird von einem Hund belagert. Er sieht etwas mitgenommen aus, dennoch kräftig, aber zu nah gehen wir an ihn nicht ran. Wir machen ihn mit unseren Speiseresten endgültig zu unserem Wachhund. Von nun an verteidigt er unser Camp gegen die Schaf- und Kuhherden, die an unserem Camp vorbeiziehen. Zwei Kühe die durch unser Camp durch wollen werden ziemlich aggressiv durch unseren Wachhund zurück gewiesen. Der Hirte trägt eine deutsche Bundeswehr Jacke. Die meisten Hirten aus dem Dorf grüßen nur die Männer. Jule und ich werden nicht beachtet. Die muslimischen Frauen dazu sehen wir in den zwei Tagen dort nur einmal kurz auf dem Feld. Dann fahren wir die wirklich üble Dirtroad wieder zurück auf die Autobahn weiter nach Süden.

Prilep. Es ist wieder einmal wunderschön hier. Wir sind uns alle einig, solch artenreiche, bunte Blumenwiesen wie unter Prileps Boulderblöcken haben wir noch nie gesehen. Wildes Getreide, Raps, Kamille, Minze, Melisse, Thymian, Mohn, Stiefmütterchen, und so viel mehr. Welche Farbenpracht. Gleiches gilt für Insekten. Ab und an wird auch eine östliche Eidechsennatter gesichtet. Panzerschleichen, wie wir sie in Bosnien und Kroatien oft gesehen haben finden wir diesmal nicht vor. Einmal sitzen wir beim Bouldern und hören ein lautes Summen. Kurze Anspannung in der Gruppe. Ein wilder Bienenschwarm zieht unweit an uns vorbei. So bouldern wir zwei Tage in großer Hitze, immer auf der Suche nach Schatten. Ist keiner da wird das Tarp aufgebaut. Wir haben einen neuen Wachhund, welcher schon damals im Biwakbeitrag zu Prilep mit rumlief, glauben wir zumindest. Dieser super liebe Hund würde Sigfried ein paar Tage später in die Hand schnappen, da Siggi es nicht lassen konnte den Hund beim essen zu stören. Doch beide nahmen es nach einem kurzen Schreck gelassen und waren am nächsten Tag wieder Freunde. Am dritten Tag verletzt sich Martin beim Aufwärmboulder am Knöchel. Er wird dick und blau. Außerdem stellen wir fest: die Boulder sind schwer zu finden trotz Führer und weit auseinander, wir haben zu wenig Pads für die oft sehr hohen Boulder und schlechten Sturzgelände, wir haben zu wenig Spotter, alles was keine Griffe sondern nur Sloper hat und sei es nur eine 5b ist in dieser Hitze quasi unkletterbar für uns. Die Haut und die Gewöhnung an das Gestein fehlt. Die Bedingungen sind sehr suboptimal. Wir machen das beste draus, doch nach wenigen Versuchen ist die Haut bereits durchgeklettert. Abendliches Abkühlen im Stausee. Wir wollen in eine stillgelegte Marmormine Baden fahren. Der Reiseführer weist die “mazedonischen Pammukkale” als tollste Attraktion um Prilep aus: schwimmen umgeben von schneeweißen Marmorblöcken in tiefblauem Wasser oder so ähnlich heißt es dort. Nach 6 km schrecklicher Dirtroad kommen wir an, um festzustellen, dass der Steinbruch (scheinbar wieder) in Betrieb ist. Nichts mit Baden. Die Farbe ist eher türkis-milchig durch die Schwebstoffe. Und wieder zurück zum Stausee, an dem uns des öfteren Autos ohne Nummernschild oder mit Kindern am Steuer entgegen kommen. Gruselig. Generell sind die Autos hier meist ganz schön durch. Am schlimmsten sehen die Autos der Roma Familien aus. Dass die überhaupt noch fahren können. Und dann sind da in nem Golf 1 auch noch 9 Leute drinnen? Und dann noch Dirtroad?….Pferdekarren fahren hier auch viele rum. In den oberen Sektoren an einem Kloster finden wir den bislang schönsten Schlafplatz unserer Reise. Hoch oben auf einem Berg haben wir einen super rundum Blick über die weite Ebene Prileps. Wir können wunderbar Gewitter beobachten, die in der Ferne vorüberziehen. Felix spannt mit Martin die Highline auf. 50 m. Siggi will auch drüber rollern. Wir finden Sportklettertouren neben dem Kloster an einem Felsblock und beklettern sie vermutlich als allererste, sie schienen sehr neu eingerichtet zu sein. Jule wird von einer Bremse gebissen. Nun hat auch sie einen dicken Knöchel. Am nächsten Tag gehen wir also alleine bouldern, in einem etwas höheren Sektor. Auf der Suche nach Problemen findet Felix Spuren von größeren Tieren, sowie einen Schlafplatz vom einem recht großen Tier. Ich hatte weiter unten ebenfalls schon Spuren entdeckt. Von diesem Moment an fühlen wir uns ziemlich unwohl. Zwei kleine Kinder und ziemlich viel Gepäck. Keine schnelle heimliche Flucht möglich. In diesem Sektor sind sehr viele große Haselnusssträucher, die Umgebung ist sehr unübersichtlich. Ist der Schlafplatz vielleicht doch von einem Bären? Wir brechen ab, gehen einen Sektor weiter runter, Felix macht sich dort noch etwas platt an einer 7b und dann ist das Gewitter tatsächlich mal direkt über uns. Also treffen wir uns in der Stadt mit Martin und Jule, bevor wir uns am nächsten Tag von ihnen trennen. Sie fahren weiter an den Ohrid See, wir zu Kai und Lennart nach Zasele.

Bulgarien. Wir fahren zurück in die EU. Auch hier gewittert es täglich mit sinnflutartigen Regenfällen. Sigfried freut sich über die Blitze. Kai und Lennart haben eine 130 m Highline in Zasele aufgebaut. Da will Siggi auch drüber rollern. Das ist unser Ziel. Hier finden wir auch den dritthöchsten Wasserfall Bulgariens vor. Abends auf der Wiese gibt es neben allerhand Mücken auch allerhand Glühwürmchen. Diese blinken, jedes in seinem Rhythmus. Es sieht aus, als würden lauter blinkende LEDs über die Wiese tanzen. Als nächstes Ziel steht Vratsa. Wir gehen in die Little Cave, endlich mal wieder ordentlich Sportklettern. Über uns zieht ein gewaltiges Gewitter, doch in der Höhle bleiben wir trocken und können den blitzen zuschauen. Noch einen Tag klettern wir hier, dann schauen wir uns noch die Ledenika Grotte an und fahren weiter nach Karlukovo. Dort erwartet uns eine von weitem unscheinbare, quasi in die Erde eingelassene, aber nach beiden Seiten hin geöffnete riesige Höhle mit zwei großen Dachfenstern, welche “God’s eyes” genannt werden. Viele Touristen. Viel Lärm durch lärmenden Schulklassen. Viele Mücken. Viele Schafsherden. Viele Fliegen im Auto. Viele Gewitter. Mine wird ständig fotografiert. Wir klettern zwei Tage hier ziemlich schöne Touren. Am Ende des zweiten Klettertags werden wir von einem Gewitter mit Platzregen und Sturm weit in die Höhle hineingetrieben. Da die Höhle so hoch und der Sturm so stark ist müssen wir wirklich weit vor dem Regen flüchten.

Belogradschik. Dort sind wir heute hingefahren. Morgen besteigen wir einen Gipfel. Die Kinder verstehen sich super mit Kai und Lennart, die kleine Reisegruppe harmoniert sehr stark. Mine krabbelt so gut wie nicht mehr, fängt langsam an uns zu verstehen und hat immernoch keinen Zahn. Siggi macht den Anschein eines kleinen stänkernden ästhetik-liebenden Künstlers.

Aufgrund der Hitze haben sich unsere Reisepläne etwas geändert. Wir fahren demnächst für eine Woche nach Rumänien und dann bereits wieder Richtung Österreich. Hoffentlich werden wir in Serbien nicht verhaftet, weil wir bereits einmal durch den Kosovo gefahren sind!

Bilder sind wieder falschrum angeordnet.

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